Das Tutu-Projekt: Selfies für einen guten Zweck und zur Selbstheilung

Wer kennt sie nicht, die Fotos eines älteren beleibten Herren, der sich in einem rosa Tüllröckchen auf öffentlichen Plätzen fotografieren lässt. Zunächst wurde der Fotograf Bob Carey als extrovertierter Exzentriker verkannt. Die Geschichte hinter dem Kunstprojekt ist nicht nur ein rührender Liebesbeweis an seine krebskranke Frau. Längst sind die Tutu-Fotos zu Symbolen für Hoffnung und Freude am Leben geworden. Seine Fotos bringen Menschen zum Lächeln, regen aber gleichzeitig zum Nachdenken an. Der Mann im Tutu scheint surreal, ob alleine und traurig, manchmal aber auch verspielt und lustig. Für Bob Carey jedoch sind sie mehr. Es eine seine Art, sich selbst zu therapieren. Und er wünscht sich, dass jeder Mensch sein persönlichen „Tutu-Projekt“ haben sollte.

Bob Carey stellt auf der TEDx-Bühne in München sein "Tutu Projekt" vor.

Bob Carey stellt auf der TEDx-Bühne in München sein „Tutu Projekt“ vor.

 

Das rosa Tutu auf der TEXDx in München

Die Bühne des berühmten Circus Krone ist der Veranstaltungsort, an dem das Münchener TEDx unter dem Motto „Hidden Treasures“ – also „Verborgene Schätze“ – im November 2015 stattfindet. Einer der Vortragenden ist Bob Carey aus New York. Er betritt die Bühne in einem schwarzem T-Shirt und Bermudashorts, ohne Strümpfe, in Flipflops und beginnt seinen Vortrag mit dem Satz:

„Hallo, meine Name ist Bob Carey und ich fühle mich gerade nicht so wohl.“

Er wirkt verloren, einsam, schaut zu Boden und dann beginnt Bob sich zu entkleiden. Er zieht seine Flip-Flops aus, seine Bermudas und zieht über seine pinken Shorts ein pinkes Tutu. Dies ist sein Markenzeichen. Anschließend schlüpft er aus seinem T-Shirts und seufzt: „Nun fühle ich mich wohler.“

Bob Carey stellt in München sein "The Tutu Project" vor.

Mr Tutu Bob Carey stellt in München sein „The Tutu Project“ vor.

Selbstporträts als Therapieform

Nein, Bob ist keine Ballerina und auch kein schlanker junger Mann. Bob ist ein Mittfünfziger stämmiger, behaarter Mann. Seine Statur erinnert eher an einen Pizzabäcker mit ausgeprägten Fußballerwaden und einem Tattoo auf seiner Schulter. Bob ist seit über 30 Jahren Werbefotograf. Seit über 20 nimmt Bob Selbstporträts von sich auf. „Für mich ist es eine Art von Selbsttherapie.“ Er nimmt sich selber auf und „das ist weitaus günstiger, als einen Therapeuten aufzusuchen“ scherzt. Bob. „In bzw. mit meinen Fotos transformiere ich mich in eine Kunstperson. Besonders wenn ich schwierige Zeiten durchlebe oder ich an etwas zu beißen habe, hilft es mir, mit der Realität zu kommen und meinen Alltag zu bewältigen.“

Als Bob von Arizona nach New York zog, hatte er Angst: Angst vor der neuen Umgebung, vor den Anforderungen, dem neuen sozialen Umfeld und der beruflichen Herausforderung. Immerhin war er über 42 Jahre alt, als er mit seiner Frau Linda und dem Fotostudio nach Big Apple übersiedelten. Zu diesem Zeitpunkt erteilte ihm das Arizona-Ballett aus Phonex den Auftrag, seine Interpretation von „ Ballett“ zu fotografieren. Hierzu entstand sein erstes Tutu-Porträt, noch in Schwarz-Weiß. Seine Schwiegermutter nähte ihm den Ballettrock, damit er sich emotional den Tänzern annähern konnte. Die Aufnahme wurde als Schwarz-Weiß-Foto verwendet. So war es egal, ob das Tutu weiß oder pink war.

Dies ist das erste und Original Tutu-Foto von Bob Carey - damals noch in schwarz-weiß. Foto copyright Bob Carey

Dies ist Bobs erste Aufnahme mit Tutu. Sie entstand als Auftragsarbeit für das Arizona-Ballett. Foto Copyright Bob Carey.

So fing alles an

Er zog das Tutu an und merkte sogleich: „Das ist es! Es war großartig und genau das, was ich brauchte.“

Ein weiteres Foto mit dem Tutu entstand auf der Fahrt von Arizona nach New York. Dies war sein ersten Tutu-Selbstporträt sowohl in Farbe als auch in der Öffentlichkeit aufgenommen, noch bestrumpft und in Sneakers. „Als ich von Arizona nach New York zog, fühlte ich mich isoliert, alleine. Es war ein wirklich großer Schritt – mit 42 Jahren – die gewohnte Umgebung, das berufliche und soziale Umfeld zu verlassen und in New York neu anzufangen. Normalerweise macht man das mit 20; wir mit über 40 Jahren. Das Tutu anzuziehen half mir dabei, mich in der Situation zurechtzufinden. Jedes mal, wenn ich das Tutu überstreife und mich ansonsten entblößt in der Öffentlichkeit zeige, verändere ich mich“ – berichtet Bob.

Das Paar eroberte New York und immer, wenn Bob sich nicht gut fühlte, zog er sein Tutu über und verwandelte sich in eine andere Person. So verarbeitet Bob die neue Situation, als eine Art von Therapie: „Ich ging von Zeit zu Zeit in Zeit New York und Umgebung. Ich war sehr alleine. Anschließend kam ich mit dem Foto nach Hause und besprach mit Linda die Fotos, meine Gefühle, und wir suchten zusammen das Foto des jeweiligen Shootings aus.“

Das Paar Linda und Bob Carey arbeiten und leben zusammen als "Team"

Das Paar Linda und Bob Carey arbeiten und leben zusammen als „Team“. Sie unterstützen sich gegenseiti– in guten, wie auch in schlechten Zeiten. Foto copyright Pia Kleine Wieskamp

Fotos, um kranke Menschen zu unterhalten

Ein Jahr später, 2003, erkrankte Linda, Bobs Frau, an Brustkrebs. Bob zog auch hier das Tutu an, um mit seinen Ängsten und Sorgen umzugehen. Zunächst sind die Fotos auch einsam. Er ist alleine an Orten, lächelt nicht, wirkt verloren. In anderen Fotos hüpft er, oder klettert auf Zäune. Bob gab seine Tutu-Fotos Linda mit in die Therapie. Sie teilte sie mit ihren Mitpatienten, um sie zu besprechen oder einfach nur zu lächeln. „Sie lachten“, erzählt Linda. Die Bilder sorgten für gute Laune und Gespräche im Krebszentrum. „So entstand die Idee, in allen Krebszentren in den USA die Tutu-Bilder zu teilen. Wir sprachen über die Möglichkeit, ein Buch herauszubringen. Der Verkauf der Bilder sollte das Projekt finanzieren.

Aber das Projekt, ist nicht nur für Krebspatienten. In erster Linie ist „The Tutu Project“ für Bob Carey eine „Fotoserie über Transformation, Veränderungen und Entwicklung. Ich nehme mich an verschiedenen Orten auf und drücke meine Gefühle aus. Manchmal Angst, in der Öffentlichkeit angegriffen zu werden. Denn wenn ich die Aufnahmen mache, schalte ich komplett meine Umgebung aus. Sehr schön und beglückend ist für mich die Resonanz der Betrachter. Gerade die, welche über E-Mails oder Social Media zu uns kommen. Wenn ich diese Bilder mit anderen Menschen teile, besonders mit an Krebs erkrankten Patienten, erkennen sie sich manchmal in den Fotos wieder. Sie erkennen sich, da sie ähnlichen Emotionen empfingen. Sie haben Schmerzen, sind in einer Phase der Heilung, der Veränderung, der Zweifel – und das drücken auch die Fotos aus. Für mich ist die Neudefinition, Neugestaltung des Lebens in neuen Umständen ist die Gemeinsamkeit von Menschen, die schwere Zeiten durchmachen.“

Das Tutu als Sinnbild für Transformation und Veränderung

Auf der Bühne verwandelt sich Bob Carey in Mr Tutu von The Tutu Project.

Auf der Bühne verwandelt sich Bob Carey in Mr Tutu von The Tutu Project.

Linda ist Teil des Fotostudios und kümmert sich um die Carey-Stiftung:

„Wir haben vor drei Jahren angefangen die Tutu-Fotos auf Social Media Kanäle wie Facebook und Twitter zu streuen. Als bei mir zum zweiten mal Krebst diagnostiziert wurde und ich in das Gesundheitszentrum zur Chemotherapie ging, zeigte ich meinen Mitpatienten die Fotos von Bob im Tutu. Es kann sehr langweilige sein, in der Klinik zu liegen und die Chemo zu erhalten. Ich mag es, mich zu unterhalten. Also nahm ich die Fotos von Bob mit und die Frauen lachten. Wir sprachen darüber, warum Bob die Fotos macht, wie er sich dabei fühlt, und ich realisierte, dass die Fotos eine gute „Brücke“ für Patienten und Angehörige sind, um über die Ihre Gefühle und Ängste zu reden. Ich ging zu Bob und berichtete ihn von den Reaktionen und er meinte: Wäre es nicht wunderbar ein Buch zusammenzustellen, das in jeden Therapieräumen der USA ausliegen würde?“ Das war die Geburtsstunde des TUTU Projects. Wir veröffentlichten eine Website und stellten Fotos dort zum Verkauf online. Es erschienen Berichte in Magazinen sowie in Online-Yahoo-Redaktion berichtetet über unsere Website. Zwei Monate späte waren wir Gäste der Today-Show und unserer Webseite und Fanpage wurde sehr bekannt.“

Bob erklärt: „Linda nahm also die Tutu-Fotos mit zur Chemotherapie und zeigt diese den anderen Patienten, Freunden, dem Personal. Und sie kam wieder und erklärte mir, dass die Fotos viele Menschen glücklich machen. Die Patienten wurden abgelenkt und hatten angenehme Gedanken, während ihnen die hoch angreifende Flüssigkeit durch die Adern gepumpt wurde. So kamen wir auf den Gedanken, die Fotos zu streuen. Wir suchten einen Buchverleger. Zuletzt haben wir das Buch in Eigenregie entworfen und veröffentlicht. Das war die Geburtsstunde des Tutu-Projects. Wir gingen über Social Media, teilten das Foto des Tages und viele Menschen besuchte unsere Webseite, um sich über die Krankheit zu informieren oder etwas Mut zu erhalten.“

It’s Tutu-Time

Ganz zum Schluss der TEDx-Veranstaltung steht Bob alleine auf der Bühne; der Lichtspot ist auf ihn gestellt. Er wirkt sehr nachdenklich, schaut auf den Boden und dann in das Publikum und schließt seinen Vortrag mit der Bemerkung ab: „Ich nutze Kreativität für Tage, an denen ich mich nicht gut fühle oder verzweifelt bin. Wenn ich etwas geschaffen habe, oder meine Gefühle zum Ausdruck bringen und mit Menschen darüber spreche kann, dann hilft es mir. Ich fotografiere seit meinem 17. Lebensjahr und fotografieren ist meine Methode, mit der Welt zurechtzukommen. Wenn ich mit unglücklich fühle, deprimiert bin, dann ist Tutu-Time.

Bob Carey auf der TEDx-Bühne in München.

Bob Carey auf der TEDx-Bühne in München.

Jeder braucht sein persönliches Tutu-Projekt

„Es schmerzt. Ich habe meine Eltern an Krebst verloren, meine und Linda sind an Krebs erkrankt… Ich muss mich ausdrücken, bevor meine Gefühle mich auffressen. Ich mache es, indem ich verschiedenen Ort besuche, mein Tutu anziehe und mich verändere.“ Es ist Bobs Art sich auszudrücken, seinen Schmerz, seine Trauer und manchmal seine Wut zu verarbeiten oder die Freude, dass wenn es Linda wieder besser geht, sie einen guten Tag hat. Bob betont in seinem Vortrag, dass eigentlich jeder Mensch, jeder Fotograf sein persönliches Tutu-Projekt benötigt. Einen Rückzugsort, der ihm Trost spendet. Eine persönliche Therapieform – sei es beim Sportverein oder etwa beim Stricken.

Normalerweise ist das Leben schön

„Normalerweise ist das Leben schön. Der Alltag kann allerdings manchmal hart sein, und manchmal ist es das Beste, einfach zu lachen; über uns zu lachen, über die Situation zu lachen und dieses Lächeln mit anderen zu teilen.“, so Bob Carey. Und Linda bestätigt: „Lachen ist es gesund oder helfen mindestens dabei, etwas positiv zu. Unsere Tutu-Bilder tragen dazu mit Sicherheit dazu bei.“

Inzwischen hat Bob weltweit ca. 200 Plätze und Orte besucht und sich im Tutu abgelichtet:  Ob am Grand Canyon, in Italien, vor dem Washington Monument oder dem Brandenburger Tor und nun auch in München und Umgebung. Normalerweise plant Bob seinen Aufnahmen nicht; erfährt in der Gegen herum, besucht Ort und weiß dann, wo er sich im Tutu aufnehmen möchte.

Hier posiert Bob Carey im rosa Tutu auf dem Rand des Fischbrunnens vor dem Rathaus in München.

Hier posiert Bob Carey im rosa Tutu auf dem Rand des Fischbrunnens vor dem Rathaus in München. Foto copyright Bob Carey.

Natürlich haben Linda und Bob auch Pläne für 2016: „Der nächste Schritt unserer Carey-Stiftung ist eine Verbreitung – auch in anderen Ländern. Wir schauen nach Kooperationen oder Sponsoren für das Buch. Gerne würden wir im kommenden Jahr auch mehr mit den Foto-Communites zusammenkommen, reisen und mit den Menschen sprechen. Wir überlegen uns Road-Trips durch Deutschland, Spanien oder Kolumbien durchzuführen. Dort möchten wir Organisationen, die Krebspatienten unterstützen, mit unseren Vorträgen und Fotos unterstützen und Geld für diese Projekte sammeln. Wir würden uns freuen, wenn wir Manchen auf der ganzen Welt helfen, sich über Brustkrebs zu informieren oder in der Therapie zu unterstützen.“

Bobs ungewöhnliche Art, sich in Szene zu setzen hilft nicht nur im Kampf gegen Brustkrebs. Die Fotos im rosa Ballettröckchen helfen Patienten und deren Familien, aber auch vielen weiteren Menschen positiv zu denken und mit einem Lächeln die Krankheit oder traurige und schwierige Zeiten zu bekämpfen. Damit wurden die Tutu-Fotos wurden zu mehr als nur Bildern von einem Mann im rosa Tutu. Sie wurden zu Symbolen für Hoffnung und Freude am Leben.

The Tutu Project wuchs und verbreitete sich nicht zuletzt durch Möglichkeiten von Social Media. Immer mehr Menschen teilten ihre eigenen Geschichten und Fotos mit den Careys. Linda und Bob beschlossen auch andere an Krebs erkranke Personen zu unterstützen und zu helfen. 2012 gründeten sie die Carey Foundation. Die Stiftung hilft Brustkrebspatienten und deren Angehörigen (ca. 1 % der Brustkrebspatienten sind Männer), die Behandlung und Unterstützung zu bekommen, die sie benötigen.